What I miss the most…

Seit einem guten Jahrzehnt habe ich das grosse Privileg, auf winzigen Bühnen zu stehen. Mit meiner Kolibri Gitarre und dem Bass, der einen halben Genickbruch hat. Ich stehe dort mit Freunden, Familie und singe zusammen mit der Gemeinde von und zu Gott. Mit Notenblättern, wo schon Akkorde für 5 verschiede Tonlagen raufgekritzelt wurden, Lieder die ich schon viel zu oft gespielt habe und bei denen sich mein Theologinnenkopf fragt, ob ich die ersthaft noch einmal mit der Gemeinde singen darf. Aber weil ich dir mindesten drei Namen nennen kann, für wen ich dieses Lied jetzt trotzdem spiele, tue ich es eben doch.

Und ich will das auch nicht glamuröser darstellen, als es ist. Wir proben in kalten Gemeinderäumen, wählen Lieder aus, ohne dass der Pastor uns den Predigttext verraten hat, und hoffen, dass das alles am Sonntag irgendwie zusammenpasst. Die schönen musikalischen Übergänge funktionieren etwa in 50% der Fälle. Und wenn man endlich eine Bandformation zusammen hat und genug gut eingespielt ist um sich mit einem kurzen Blick zu verstehen, dann steigt wieder jemand aus der Band aus oder macht ein Austauschjahr oder heiratet… tja so läuft das Leben. Wir sind alles Laien, und dementsprechend ist auch die musikalische Qualität.

Immer wieder setzt ich mich am Sonntag mit der Gitarre aufs Fahrrad, und habe ganz ehrlich keine Lust. Dann brauche ich ein Schutzschild: den pinken Lippenstift und die schönen schwarzen Stiefel. Und mit einem etwas mürrischen Gebet auf den Lippen fahre ich eineinhalb Stunden vor Gottesdiestbeginn zur Gemeinde.

Instrumente aufstellen, Soundcheck (das ist der heikle Part!), Songlist noch einmal durchspielen, gemeinsames Gebet und erst dann trudelt langsam die restlich Gemeinde herein. Ich muss den Lippenstift noch einmal kurz nachziehen. Die Reihen füllen sich, so viele bekannte Gesichter. Herzliches Händeschütteln, Umarmungen. Schön, alle wieder zu sehen.

Seit ein paar Jahren ist die Nervosität fast ganz verflogen. Bis auf die schwitzigen Hände, die sind geblieben. (ist übrigens zum Gitarre spielen immer noch recht unpraktisch. 😉

Und dann stehe ich auf der kleinen Bühne. Immer mit einem Team im Rücken.

Und wir singen zusammen. Als Gemeinde. Als Gemeinschaft.

Und manchmal läuft die Technik nicht. Manchmal passt nichts zusammen, und wir mühen uns da vorne ab. Irgendjemand beginnt in der falschen Tonart oder vergisst den so schön geprobten Break.

Aber  manchmal stehe ich vorne und ich spüre, wie sich die Atmosphäre verändert, als könnte ich sie mit Händen greifen. Die Liebe und den Geist. Dann sehe ich manchmal ein paar Tränen, wie sich Ehepaare in den Arm nehmen, Hände die sich weit nach oben strecken. Und auch die, die ganz still und mit geschlossenen Augen da sitzen.

Dann höre ich all die Stimmen, die aus voller Kehle singen und ich wiederhole den Refrain nochmal, in solchen Momenten reicht dann der Blick zu dem Rest der Band. Und mir läuft es kalt den Rücken runter. Es ist eben doch ein Privileg auf diesen winzigen Bühnen zu stehen.

Der Ort, wo ich seit einem Jahrzehnt lerne, dass es nicht viel braucht um Gottesdienste zu leiten. Nur die Bereitschaft, das was man hat und kann, zu teilen. Und sich nicht von dem ärgern zu lassen, was schief gelaufen ist. Denn der nächste Gottesdienst kommt, und ich darf mit allen meinen Fehlern wieder mitmachen. Und den Leuten zuschauen, wie sie zu Gott singen.

Das ist es, was ich im Moment am meisten vermisse.

 

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