Sternenkind

Es ist schon ein merkwürdiger Zufall, dass ich genau  heute diesen Text veröffentliche.  Die Idee habe ich schon eine Weile mit mir herumgetragen und ausgerechnet in den letzten zwei Tagen hat er seinen Weg aus meinem Kopf auf Papier und auf den Bildschirm gefunden. Und heute realisiere ich, dass es der 15. Oktober der „Pregnancy and Infant Loss Remembrance Day“ ist. Im Deutschen wird auch der Begriff „Sternenkind“ benutzt, für Kinder die vor, während oder kurz nach der Geburt gestorben sind. Und von so einem Sternenkind möchte ich euch erzählen: 

 

Hallo Lea.

Du Sternenkind.

Ich stelle mir vor, dass du irgendwo da oben bist.

Frei in der Weite des Himmels.

Umhüllt in die Wärme der Sterne.

 

Du hast den gleichen Namen wie ich, hast du das gewusst?  Also bist du schon fast wie eine Schwester für mich. Eine Namensschwester.

Ich weiss nicht, wie lange du bei uns auf der Erde warst, aber lange war es nicht. Sternenkind. Das klingt schon so, als wärst eine Himmelsbürgerin und nur für einen kurzen Besuch hier auf der Erde gewesen.

Aber keine Angst, du bist nicht vergessen!

Wir zwei haben uns zwar nicht kennengelernt. Aber weisst du, manchmal, an einem Sonntag, wenn die Sonne farbige Lichtflecken an die Kirchenwand zaubert, wenn ich nach dem Gottesdienst da stehe. Mit einer Tasse mittelmässig gutem Kaffee in der Hand.

Dann begrüssen wir uns. Dein Grossvater und ich.  Ich spüre seine Hand, die schon so knorrig ist, wie ein alter Ast – und seine Stimme flüstert ein bisschen. Es ist noch gar nicht so lange her, als er noch genug Kraft in den Fingern und Luft in seiner Lunge hatte für das goldene Saxophon.  Schade, dass du das nicht hören konntest.

Und eines Tages, bei einer Tasse Kaffee und Kirchenfensterlichtflecken, da hat er mir von dir erzählt.  Von seiner Enkelin, die Lea hiess. Und die er noch heute vermisst.

Es ist so etwas, dass man nicht jedem erzählt. Denn seine Stimme wird dann immer ein bisschen leiser und ich sehe den Tränenglanz in seinen Augen. Auch bei mir bildet sich ein Kloss im Hals und zwischen all den Kaffetassenhaltenden, smalltalkenden Menschen teilen wir diesen Moment. Wo wir uns an dich erinnern.

Lea. Enkelin. Tochter. Schwester. Namensschwester. Geliebtes Kind.

Wir wechseln noch ein paar Worte – einen Blick und dann tauchen wir wieder ein in das Leben rund um uns. Kaffetrinkende Menschen, lachende Kinder und fröhliche Begrüssungen.

Und später, wenn es um mich herum wieder still wird, frage ich mich wie viele Namensschwestern – Namensbrüder und Herzenskinder es noch gibt, von denen ich noch nie gehört habe.

Denn über Kinder, die nicht mehr da sind, tote Kinder, spricht man wenig.

Weil es weh tut?

Weil niemand weiss, was man denn da sagen soll?

Und vielleicht kann man eben nicht viel sagen. Und muss es aushalten. Das Fehlen.

Lea. Du fehlst.

Lea. Du bist nicht vergessen.

Lea. Eines Tages, wenn es auch für mich Zeit wird, Himmelsbürgerin zu werden, zeigst du mir dann die Freiheit des Himmels und die Wärme der Sterne? Dann kann ich sagen:

Hallo Lea.

Du Sternenkind.

 

 

 

An dieser Stelle ein herzliches dankeschön an zwei Sternenkindermamas, die diesen Text für mich gegengelesen haben. Ich denke gerade heute an euch und eure Sternenkinder. 

Ich möchte auch noch auf „Dein Sternenkind“ hinweisen. Ein wunderbares Projekt, wo Fotografen ehrenamtlich professionelle und liebevolle Erinnerungsfotos von Sternenkindern machen. Schaut doch auf der Webseite vorbei und wer mag, kann das Projekt auch unterstützen.  https://www.dein-sternenkind.eu/index.php

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s