– ohne Worte –

 

Eine Meditation zur ersten Berner These:

In einer Übung in meinem Theologiestudium wurde uns die Hausaufgabe gestellt, eine persönliche Meditation zu der ersten Berner These und zu unserem Verständnis des Begriffs „Wort Gottes“ zu schreiben.

( Fun fact: In der Übung hat der Dozent gefragt, ob jemand seine Meditation vorlesen wolle, alle haben leicht verlegen auf die Tischplatte geschaut und keinen Mucks gemacht – mich eingeschlossen. Aber diesen Text ins Internet zu stellen, wo ihn theoretisch jeder lesen kann, anstatt ihn 10 Leuten vorzulesen fällt mir deutlich leichter…  Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich ihn relativ persönlich finde und wir in den Veranstaltungen unserer Uni generell eher zögerlich die ganz persönlichen Glaubensstatements oder unsere existentiellen Zweifel diskutieren. Das machen wir dann inoffiziell unter uns Studenten, ohne die Profs, in der Mensa! )

Zurück zum Thema:

Die Berner Thesen waren sozusagen Abschluss des Reformationsprozesses im Hoheitsgebiet von Bern im Jahr 1528. Kurz und prägnant, in 10 Thesen wird nun also der Gehalt der Reformation für Bern dargelegt.

Was geht mir durch den Kopf, wenn ich über den Begriff „Wort Gottes“

 nachdenke, knapp 500 Jahre nachdem diese Zeilen geschrieben worden sind ? Welche Relevanz hat es für mich, heute?

Wort Gottes.

Gottes Wort.

Das Wort?

Gibt es denn das eine Wort Gottes? Vielleicht den Logos, also eigentlich Christus (Johannes 1)? Also das wäre eine christologische Antwort auf die Frage… Aber das ist mir irgendwie zu abstrakt, trotz der Menschlichkeit Jesu – irgendwo in der Geschichte der letzten 2000 Jahre und in meiner eigenen Geschichte ist mir Jesus ein bisschen abhanden gekommen.

Klar, ich bin mit Jesus als meinem besten Freund aufgewachsen. Sein Leben, seine Geschichten, Johannes 3.16, sein Name, sie sind schon fast unauslöschlich in meinem ganzen Sein verankert!

Aber trotzdem scheint er sehr weit weg – der Name klingt hohl in meinen Ohren. Kann es sein, dass ich ihn einfach schon zu oft gehört habe? Als ob er jedesmal ein kleines Stück von seiner Heiligkeit und von seinem Geheimnis verloren hätte, wenn ich diesen Namen gehört, gesungen oder gelesen habe…. Abgenutzt, verblasst, weit weg in der Geschichte.

Gottes Worte. Ja, die Mehrzahl gefällt mir besser. Das ist dynamischer. Wenn es nur das eine Wort gäbe, würde es sich nicht über die ganze Weltgeschichte erstrecken? Vom Moment an als Gott die Welt in die Existenz gesprochen hat, bis in die Ewigkeit, wo sein Wort weiterhin Bestand hat? Dieses eine Wort Gottes, könnte ich es als Mensch irgendwie hören oder begreifen – ich kann es ja nicht einmal ansatzweise denken – es wäre wohl genauso unfassbar wie Gott selbst.

Also Worte. Mit einzelnen Worten, verteilt über Raum und Zeit kann ich mehr anfangen. Immer wieder, hier und dort. Laut oder leise. Ich glaube Gott ist ein Gott der spricht: ein Gott der Kommunikation und der Beziehung. Also er spricht nicht nur die grossen Worte wie Liebe, Gnade, Vergebung und Freiheit, sondern irgendwie werden sie Realität. Zwischen Gott und mir.

Ich denke es also lieber pneumatisch: Gott hat gesprochen, spricht und wird sprechen. Und Gottes Geist, der Heilige Geist bringt Wort und Realität in uns zusammen.

Deshalb kann es geschehen, dass ich in der Bibel von Gottes Liebe lese und sie tief in mir spüre. Deshalb kann ich beten und ich bin wirklich überzeugt, dass ich nicht alleine bin. Deshalb kann ich mit Menschen zusammen sein und ihre Worte oder sogar ihre blosse Präsenz fühlt sich an, als wäre Gott im Raum, denn Gottes Geist ist ja auch in ihnen!

Deshalb kann ich in den unbeschreiblichen Sternenhimmel schauen und dann lache ich, während mir Tränen übers Gesicht laufen – dann bin ich froh, dass Gott auch jenseits der Worte ist. Denn es gibt viel zwischen Himmel und Erde,  wofür sich keine Worte finden.

 

 

Quellen:

  •  Georg Plasger / Matthias Freudenberg (Hg.), Reformierte Bekenntnisschriften. Eine Auswahl von den Anfängen bis zur Gegenwart, Göttingen, 2005

S. 24: 1. Berner These:

Die heilige christliche Kirche, deren einziges Haupt Christus ist, ist aus dem Worte Gottes geboren, bleibt in demselben und hört nicht die Stimme eines Fremden.  [Joh 10,5].

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